Dies ist eine Leseprobe des Romans "Blut/Stapfen". Es handelt sich um die Szene, als Veit Hertel, großer Fan des Schriftstellers Rod Morlogg, Zeuge wird, wie ein bewaffneter Einbrecher aus dem Haus des querschnittgelähmten Schriftstellers flieht. Obwohl Veit mit seiner ebenfalls schwerstbehinderten Schwester Zita unterwegs ist, muss er etwas unternehmen ...

 

***

Ein maskierter, schwarz gekleideter Mann huschte geduckt aus der Vordertür des Anwesens von Luis Falk.

 „Was …” keuchte Veit, der sich unwillkürlich in seinen Sitz kauerte, obwohl nicht zu befürchten war, dass der Fliehende ihn seinerseits entdecken würde. Der Mann – wie er sich bewegte, konnte es sich nur um einen Mann handeln – war voll und ganz erpicht darauf, unbemerkt zu entkommen.

 Ein langes Messer blitzte kurz im Mondlicht auf, bevor das sehr groß anmutende Schattenwesen in den Büschen von Falks großzügigem Anwesen verschwand.

 „Wie …” entwich es Veit diesmal. Er begriff, dass er mit klauenartigen Fingern das Lenkrad umklammerte, über das er hinwegschielte, so tief war er in seinen Sitz gesunken. Er erwartete, den Einbrecher weiter vorne wieder aus den Büschen brechen zu sehen, wo er zu seinem Fluchtfahrzeug eilen würde, doch da war weder ein Wagen zu sehen, noch stahl sich ein Schatten aus Falks Grundstück. Offensichtlich war er auf der Veit abgewandten Hausseite entkommen. Warum aber hatte er dann nicht einfach den Hinterausgang benutzt, um zu fliehen?

 Eine akademische Frage. Denn jetzt galt es, vielmehr folgende Frage zu beantworten: Was sollte er tun?

 „Da ist gerade ein Mann aus Falks Haus getürmt”, informierte er Zita flüsternd, mehr, um sich selbst etwas Zeit einzuräumen, eine Entscheidung zu treffen. „Das war ein Einbrecher, riesengroß, ganz in schwarz, mit einer Maske … und einem Messer.” Er schluckte. Er hatte nicht erkennen können, dass der Kerl irgendetwas hatte mitgehen lassen und sei es nur ein prall gefüllter Müllsack.

 War er etwa gekommen, um …

 Veit wollte den Gedanken nicht zu Ende denken, doch in seiner Erinnerung blitzte erneut das Messer auf …

 „Ein Notruf”, formulierte er leise die einzig logische Option. Wie er rechtfertigen würde, dass er genau jetzt genau hier war, würde er sich noch überlegen, es war schließlich nichts Verfängliches, am Silvesterabend vor dem Haus von Rod Morlogg zu parken.

 So gesehen, hörte es sich durchaus verfänglich an …

 Egal, er durfte jetzt nicht an sich denken. Er zog sein Handy hervor, das nur noch einen Ladestand von 5 Prozent anzeigte – da er es in den letzten Tagen ständig zum Abspielen des Hörbuchs benutzt hatte, was den Akku recht schnell erschöpfte, verlor er immer mehr den Überblick übers Aufladen. Doch für einen Notruf würde es schon noch reichen.

 Er tippte die 110, betätigte die grüne Wähltaste, hielt sich das Handy ans Ohr und starrte wieder hinüber zum dunklen Anwesen. Am einzigen beleuchteten Fenster tat sich etwas.

 Jemand riss den Vorhang von unterhalb des Fensters unsichtbar mit aller Gewalt nach unten, dass die gesamte Vorhangstange herunterkrachte.

 „Notrufzentrale, was kann ich für Sie tun?” Die Frauenstimme war zackig, sachlich.

 „Ja, ich …” setzte Veit an, während seine Gedanken durcheinanderwirbelten. Ging dort oben ein Kampf vonstatten? War noch ein Angreifer in Falks Haus? Oder kämpfte Falk schwerverletzt ums nackte Überleben?

 Aus dem Handy: „Hallo?”

 Veit ließ das Handy sinken, wandte sich seiner Schwester zu. „Ich muss da rein, Zita. Ich bin gleich wieder da!”

 Er glitt aus dem Auto, warf die Fahrertür hinter sich zu, um die Kälte sofort auszusperren.

 Blechern von irgendwo unten: „Hallo?

 Veit hob das Handy wieder. „Entschuldigung”, flüsterte er, nun seinerseits geduckt auf Falks Grundstück zu laufend. „Ich bin in der Eschenstraße, Hausnummer …”

 „Sie müssen etwas lauter sprechen, ich kann Sie kaum verstehen, Herr Falk!”

 „Entschuldigen Sie, aber ich …” Seine Stimme erstarb, er geriet ins Straucheln, kam mitten auf der verlassenen Straße zum Stehen. „Wie haben Sie mich genannt?”

 „Ich sagte, Sie müssen etwas lauter sprechen!”, wurde die Frau am anderen Ende schnell ungeduldig.

 Veit schüttelte den Kopf, um in der kalten Nachtluft wieder zu sich zu kommen. „Ich bin in der Eschenstraße, Hausnummer 9, bei Herrn Luis Falk ist soeben eingebrochen worden!”

 „Und Ihr Name ist?”

 „Veit Hertel. Schicken Sie einen Krankenwagen und die Polizei!”

 „Und Sie haben den Einbrecher gesehen? Maskiert, schwarz gekleidet, ein Messer in der Hand?”

 Diesmal riss Veit den Hörer geradezu von seinem Ohr weg, glotzte das Display an, das sich aufgrund der Akkuschwäche bereits in den abgedunkelten Energiesparmodus geschalten hatte.

 Dumpf: „Hallo? Ich höre Sie nicht mehr!”

 Mit einem klickenden Schlucken hob Veit das Handy wieder ans Ohr. „Was haben Sie gerade gesagt?”

 „Jetzt ist es besser. Veit wie genau?”

 „H-H-Hertel”, stotterte er, als sein Handy laut und warnend piepte. „Hören Sie, Eschenstraße 9, Polizei und Krankenwagen!”

 Keine Reaktion.

 „Hallo?”, kam es diesmal von Veit. Erneut riss er das Handy vom Ohr. Das Display war erloschen, der Akku endgültig leer.

 „Verdammt!” Veit schob sich das nutzlos gewordene Handy in die Hosentasche, sah zum erleuchteten Fenster hinauf, das mit der querliegenden Vorhangstange aussah, wie ein nur zur Hälfte angekreuztes Feld in einem Fragebogen.

 Das Gartentor war nur angelehnt. Eine Nachlässigkeit? Die vergessene Vorarbeit des Eindringlings? Nebensächlich. Den gepflegten, sich elegant windenden Pflastersteinweg zum Haus hoch, die drei Stufen zur Haustür hoch, die Rollstuhlrampe ignorierend.

 Auch die Haustür hatte der Flüchtling nicht hinter sich geschlossen. Mit laut pochendem Herzen drückte Veit sie weiter nach innen auf.

 Wie häufig hatte er sich das Innere des Hauses vorgestellt, wenn er davor stumme Wache hielt, doch jetzt, wo er tatsächlich hier war, registrierte er kaum etwas, war voll und ganz fixiert auf einen möglichen Kampf im Obergeschoss, auf einen die Treppe herabstürmenden Feind, der ihn jeden Augenblick überwältigen konnte.

 Doch da war nichts. Kein Geräusch von oben.

 Veit machte einen weiteren Schritt ins Innere und erschrak bis ins Mark, als im Erdgeschoss das Licht anging.

 Bewegungsmelder.

 War unten das Licht angegangen, als der Maskierte vorhin geflohen war? Veit hätte es nicht sagen können, wunderte sich jedoch allmählich schon darüber, wie viele sinnlose Fragen ihm gerade durch den Kopf schossen. Verzögerungstaktik im Angesicht des Unbekannten über ihm.

 Eine Holztreppe in den ersten Stock. Etwas war komisch an dieser altertümlichen Stiege, dann begriff Veit: Ein Treppenlift für Rollstuhlfahrer verlief am Geländer entlang, die dazugehörige Plattform wartete im ersten Stock auf den Benutzer. Der Treppenabsatz lag im Dunkeln, das Zimmer, das direkt abging, war jedoch erleuchtet. Falks Büro.

 Immer noch Stille dort droben.

 Es half nicht. Veit räusperte sich.

 „Hallo?”, wollte er rufen, was herauskam, war aber eher ein klägliches Krächzen. Nochmals: „Hallo!

 Jetzt ein Geräusch über ihm. Ein Lachen? Mein Gott, es klang wie ein Lachen.

 Veit reckte den Hals, als könnte er so besser hören, was dort vor sich ging. Und nein, es war natürlich kein Lachen. Im ersten Stock stöhnte jemand.

 „H-Herr Falk?”, schickte er blöde hinterher, als wohnte hier sonst noch jemand und als würde ein eventueller Einbrecher sich mit einem entschuldigenden „Nein, ich bin's, der Frank” zu erkennen geben.

 Ein weiteres, etwas lauteres, erbärmlicher klingendes Stöhnen. Luis Falk war allein, höchstwahrscheinlich schwerverletzt und brauchte Hilfe.

 Veit schlug alle Bedenken in den Wind und nahm zwei Stufen auf einmal, war in wenigen Sekunden am Kopf der Treppe angelangt, wo seine Anwesenheit augenblicklich auch die dortigen Lampen aktivierte. Was Veit jedoch nur peripher registrierte, da er sich sogleich nach rechts drehte, um ins Büro zu gelangen.

 Veit hatte noch nie ein seltsamer eingerichtetes Zimmer gesehen. Nur etwa hüfthohe, lückenlos vollgestellte Bücherregale umrundeten das gesamte Zimmer, das gute 16 Quadratmeter messen mochte, exakt mittig, unter der stylisch geformten Designerlampe stand ein kleiner, aber stabil aussehender Holztisch mit einem eigenwilligen, braun-grau-grünen Muster, darauf ein aufgeklappter Laptop, davor der Rollstuhl.

 Der leere Rollstuhl.

 Luis Falk lag unter dem Fenster, halb begraben von dem fast gänzlich von der Stange geglittenen Vorhang, der untere Teil der Stange hatte wohl nur knapp seinen Kopf verfehlt. Er klammerte sich an dem weißen Stoff fest wie ein Kind, das befürchtet, die Mutter könnte die wärmende Decke von ihm ziehen, um ihn in die Schule zu schicken.

 Ein roter Fleck breitete sich auf dem dünnen Stoff aus.

 Mit großen, gehetzten Augen starrte Luis Falk zum Türrahmen, in dem sich Veit soeben aufgebaut hatte.

 „Hel … Helf …” krächzte es aus seinem Mund, doch Veit musste kein Linguist sein, um den Imperativ semantisch zu komplettieren. Wenige Schritte trugen ihn zum Fenster, schon war er vor dem ausgestreckten Körper in die Knie gegangen.

 Es stand schlimm um Luis Falk, das war auf einen Blick klar. Die Augen waren gehetzt und glasig zugleich, das Gesicht aschfahl, der Blutfleck in Brusthöhe alarmierend, erst recht, als Veit erkannte, dass Falk in einer regelrechten Lache lag.

 Ohne recht zu wissen, was er tat, raffte er ein paar Handvoll des Vorhangstoffs zusammen und presste den kissengroßen Notbehelf fest gegen die Stichwunde. Aber das war dilettantisch und half niemandem weiter.

 „Ich muss Hilfe rufen!”, erklärte er dem Verletzten. „Wo ist hier ein Telefon?”

 Irgendwie gelang es Falk, den Kopf zu schütteln, doch da er zum Sprechen offenkundig zu schwach war, hob er nur eine zitternde Hand.

 Die zu seinem Laptop deutete.

 „Was?”, verstand Veit die Geste nicht. Falk riss die Augen auf, nickte zu dem Tisch hinüber.

 Wie in Trance stand Veit auf, machte die zwei Schritte zum offenen Laptop.

 Der Details dessen, was er da vor sich hatte, wurde er erst später gewahr – der Titel ganz oben am Rand, die Seitenzahl unten links … Im ersten Moment hatte er nur Augen für den mitten im Satz abgebrochenen Text oder vielmehr das mittendrin abgebrochene Wort, als der Eindringling Falk offenbar völlig überrascht hatte.

 

Er ist hier, wahrhaftig hier, in di

 

war da zu lesen. Wie benommen packte Veit die Funkmaus, scrollte nach oben und sah einen langen Text, der diesem Satz vorausging. Er ließ den Cursor wieder nach unten ans Textende wandern, doch seine zitternden Finger ließen den blinkenden Strich übers Ziel hinausschießen.

 Und so sah er, dass dort noch etwas geschrieben stand, vier Leerzeilen unter dem vermeintlich letzten Wort, ein einzelner, zentrierter Ausruf:

 Zimbauyok!