Exklusive Leseprobe aus Rod Morloggs Roman "Bis dass der Tod"!

 

Prolog: Damals

 

 Jonas hatte schon an dem Tag, an dem er die Essenseinladung ausgesprochen hatte, gegen das Gefühl angekämpft, einen Fehler zu begehen – und nun stand außer Frage, dass er mit dieser Idee einen echten Bock geschossen hatte.

 Zu besagter Einladung kam es auf verschlungenen Umwegen, die durch ein Dickicht aus schlechtem Gewissen und der Angst vor einem Fehlstart mit den Nachbarn führten. Jonas Heim hatte vor knapp drei Wochen gebührlich die fertige Einrichtung der Eigentumswohnung gefeiert, die er mit seiner frisch Angetrauten Manuela bezogen hatte. Besagte Eigentumswohnung war eines von insgesamt fünf Appartements in diesem Gebäude, Appartement 2 im ersten Stock, genau gesagt.

 Feiert mit Heims das neue Heim!, hatte Manuela auf ihre Einladungen geschrieben. Autsch.

 Sie hatten Freunde und Familie eingeladen, waren auf insgesamt fast dreißig Gäste gekommen, die sich auf den 120 Quadratmetern drängelten, und natürlich war die Lautstärke mit zunehmender Stunde in bedenkliche Höhen gestiegen. Doch Jonas hatte vorgesorgt und schon in der Vorwoche sämtliche seiner Nachbarn in diesem Wohngebäude vorgewarnt – bis auf die Kleiberts von Appartement 3 direkt nebenan, die er seit ihrem Einzug noch nicht zu Gesicht bekommen hatte.

 Am Tag nach jener Feier war ein einigermaßen erschlagener Jonas die Treppen zu seiner Wohnung hochgestiegen, als die Tür zu eben jenem Appartement 3 aufging und ein untersetzter, aber bulliger Mann um die fünfzig mit einem breiten Lächeln heraustrat. Er trug ein legeres, lachsfarbenes Hemd und für sein Alter etwas zu eng sitzende Jeans, ein Goldkettchen hing ihm um den Hals, ein anderes um das rechte Handgelenk. Beide Schmuck-Accessoires drohten, sich in den üppigen Haaren zu verfangen, die ihm aus dem Ausschnitt beziehungsweise unter den Ärmeln hervorquollen. Jonas musste augenblicklich an einen zwielichtigen Gehilfen eines Mafioso denken – oder an den Mafioso selbst, nur dass Kleibert ihm dafür etwas zu klein vorkam.

 „Ah, der Neue!”, grüßte er mit dröhnender Stimme und streckte Jonas schon die Hand entgegen, die dieser erschöpft aber gutmütig lächelnd ergriff. Schwielige, starke Finger, ein männlich-trockener Händedruck.

 „Ja, hallo, schön, Sie mal kennenzulernen. Jonas Heim aus Nummer 2.”

 „Carsten Kleibert”, grüßte er zurück, ließ Jonas' Hand los und deutete auf die Tür zu besagter Nummer 2. „Ganz schön ausgelassen, Ihre Feier gestern!” Irgendwie schien der Typ jeden Satz mit einem Ausrufezeichen zu beenden – oder war Jonas einfach nur zu verkatert, um mit normaler Gesprächslautstärke klarzukommen?

 „Wir, ähm, ja, ich hatte vorher die Runde gemacht, zur Vorwarnung, wissen Sie, aber ich habe Sie nicht angetroffen …”

 Kleibert winkte ab. „Waren auch mal jung, meine Norma und ich, nicht wahr?”

 Jonas gab ein undefinierbares Geräusch der Zustimmung von sich, kratzte sich etwas verlegen an der Nasenspitze.

 „Wie alt sind Sie denn, wenn ich mal nachfragen darf?” Kleibert stemmte die Hände auffordernd in die Seite, als stellte er sich darauf ein, Jonas' Jugend mit der Enthüllung seines eigenen reifen Alters in ihre Schranken zu verweisen.

 „Anfang dreißig, meine Frau und ich sind nur drei Monate auseinander.” Und aus irgendeinem Grund fügte er hinzu: „Sie ist die Ältere.”

 „Frau?”, bellte Kleibert mit hochgezogenen Augenbrauen.

 „Seit einem Monat verheiratet”, nickte Jonas, darüber noch immer gleichermaßen stolz und überrascht.

 „Aha! War ganz schön was los da drüben gestern!”

 „Ja, wie gesagt, entschuldigen Sie.” Jonas wollte nur zurück in seine Wohnung. Er hatte gerade den Müll nach unten gebracht, dreimal Treppe runter, Treppe rauf, sein Kopf wummerte, die verheißungsvolle Dusche wartete. Der nächste Satz schien ihm mehr zu entweichen als dass er ihn tatsächlich willentlich von sich gab: „Kommen Sie doch einfach mal zum Essen zu uns rüber. Sie und Ihre Frau.”

 „Eine tolle Idee!”, stieg Kleibert sofort darauf ein. „Sagen wir Mittwoch um sieben?”

 „Ähm ja, warum nicht, wir …”

 „Hervorragend!” Kleibert nickte geschäftig, und auf einmal zog er sich ohne ein weiteres Wort in seine Wohnung zurück.

 Jonas stand noch eine Weile verwirrt da, bevor er sich daran erinnerte, dass er gleich hier gegenüber wohnte.

 Und so war ihm jene infame Einladung entwichen.

 „Du hast was?”, war denn auch Manuelas erste Reaktion gewesen. „Wir kennen die beiden doch gar nicht!”

 „Eben, zum Kennenlernen halt.” Jonas war kleinlaut, wie immer, wenn er sich grundsätzlich im Unrecht sah, es aber nicht zugeben wollte.

 „Und ich soll jetzt – was genau? – die gute Köchin und Hausfrau spielen?” Manuela war so ziemlich das exakte Gegenteil zur Köchin und Hausfrau; für ihre Feier hatten sie tunlichst einen Catering-Service beauftragt.

 „Du könntest deine legendäre Pizza machen …” Selbstgemachte Pizzen waren so ziemlich das Einzige, was Manuela gut zubereiten konnte, und immerhin stimmte es, dass sie legendär waren, wenn auch hauptsächlich deswegen, weil sie diese derart scharf zu belegen pflegte, dass weder diavola noch arrabbiata als Bezeichnung reichten und Jonas sie schlicht explosiva nannte.

 Manuelas Brauen zogen sich gefährlich zusammen, und da Streit das Letzte war, wonach es Jonas nach der durchzechten Nacht stand, setzte er eine entschuldigende Miene auf.

 „Es war eine blöde Situation. Es ist mir so rausgerutscht …”

 „Wir haben keinen der Nachbarn eingeladen!”

 „Das weiß ich doch auch.” Er seufzte. „Es war dumm von mir, ich gebe es ja zu. Aber jetzt einfach wieder absagen …”

 „Das können wir nicht bringen”, lenkte Manuela ein, noch immer Gewitterwolken im Gesicht.

 „Wie wäre es damit”, kam Jonas eine Idee. „Wir laden Marcus und Stella mit ein!”

 Marcus und Stella waren alte Bekannte von Manuela, die zu der gestrigen Feier nicht hatten kommen können, sich aber sehr großzügig an einem gemeinsamen Geldgeschenk für die beiden beteiligt hatten.

 Und so waren sie dann also verblieben: eine kleine Feier mit den Nachbarn, mit Marcus und Stella als Peinlichkeitspuffer, wenn man so gar nicht mehr wusste, was man mit den fremden Kleiberts so reden sollte.

 Jonas fand es nur höflich, seine Nachbarn aus der 3 darüber in Kenntnis zu setzen, dass sie nicht die einzigen geladenen Gäste waren, doch er konnte in den kommenden Tagen so viel klingeln und klopfen wie er wollte, nie war jemand zu Hause.

 „Wahrscheinlich kommen sie gar nicht”, scherzte Manuela, noch während ihr Pizzateig am Mittwochnachmittag gerade aufging. Doch sie kamen, pünktlich um sieben und damit eine knappe Viertelstunde nach Marcus und Stella, die Jonas schon für halb sieben geladen hatte.

 Und jetzt saßen sie hier, und Jonas fühlte sich so unwohl in seiner Haut wie schon lange nicht mehr.

 Es hatte schon deswegen nicht gut angefangen, weil Carsten Kleiberts Frau Norma offenkundig gegen eine Erkältung ankämpfte und sich mit verschnupfter Nase und geröteten Augen vorstellte. Sie war ein paar Zentimeter größer als ihr Mann, Jonas schätzte sie auf Ende vierzig, und trotz ihres eher erbärmlichen Zustandes konnte er nicht umhin festzustellen, dass sie eine beachtliche Oberweite zur Schau trug. Von Sekunde eins an fragte Jonas sich, ob er da Implantate vor sich hatte. Norma trug einen blauen, eher männlich wirkenden Blazer, worin sie auch fürwahr im Partnerlook mit ihrem Mann ging.

 „Norma Kleibert!”, rief sie, sich vorstellend. Ob beide wohl schwerhörig waren?

 „Angenehm”, verbeugte Jonas sich. „Das ist meine Frau Manuela.” Wie ungewöhnlich dieser Titel noch klang, wie angenehm er ihm aber von den Lippen ging. Stolz wies er zu Manuela hinüber, die sein Lieblings-Oberteil trug, welches ihre wohlgeformten und im Übrigen zu einhundert Prozent natürlichen Brüste spektakulär in Szene zu setzen wusste. Überhaupt war sie wie immer ein echter Hingucker, mit ihrer schlanken Gestalt, ihren strammen Unterschenkeln, die sich durch die Jeans gut abzeichneten und den Haaren, die ihr bis zur Rückenmitte gingen. Jonas war fast enttäuscht, dass Carstens Augen nicht aufblitzten, als er ihr die Hand schüttelte, dass sein Blick nicht wie magnetisch angezogen zu ihren Brüsten hinunterging.

 „Und das sind sehr gute Freunde von uns, Marcus und Stella.” Marcus und Stella, die in dauerhafter Konkurrenz zu stehen schienen, wer von beiden schneller komplett zum Skelett abmagern würde, traten etwas belämmert nach vorne. Die Kleiberts schüttelten rundum die Hände, und Jonas konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Carsten die Tatsache, zwei unerwartete Gäste anzutreffen, nicht gerade zu schätzen wusste. Im Gegenzug war nicht zu übersehen, dass auch die beiden Langzeit-Studenten Marcus und Stella nicht so recht wussten, was sie denn wohl hier verloren hatten.

 „Na, da haben Sie ja ganze Arbeit geleistet!”, rühmte Carsten schließlich vollmundig, wie um einen Vorwand zu suchen, sich nicht ausführlicher mit Marcus und Stella aufhalten zu müssen und verrenkte sich den Hals zu einem allumfassenden Rundblick durch die Wohnung.

 „Kaum wiederzuerkennen!”, bestätigte nun auch Norma, die gerade ein frisches Taschentuch zückte.

 „Wir haben viel Arbeit reingesteckt”, zuckte Manuela bescheiden mit den Schultern. „Ich denke doch, es hat sich gelohnt.”

 Geplänkel, Aperitif, Geplänkel, zu Tisch, Geplänkel, Pizza.

 Carsten tat sich gerade sein erstes Stück auf, als er unvermittelt meinte: „Ich habe gehört, Sie sind beide Ärzte?”

 „Nun … ja”, bestätigte Jonas überrascht. Wer ihm das wohl erzählt haben mochte? „Wir versuchen gerade beide, am Klinikum Fuß zu fassen. Später vielleicht eine gemeinsame Praxis …” gab er seine Standardsätze von sich.

 Carsten hob den Rand seiner dampfenden Pizza an. „Zwei Ärzte laden uns zum Essen ein”, grübelte er und ließ das Stück wieder auf den Teller zurückfallen. „Und was gibt es? Tiefkühlpizza.”

 Manuela starrte ihn an. „Es … es ist selbstgemacht!”

 Carsten stieß ein dröhnendes Lachen aus und klopfte mit der flachen Hand auf den Tisch. „Nur ein Scherz! Nur ein Scherz! Ich ziehe Sie doch nur auf!” Sein Goldkettchen wippte vergnüglich gegen seinen Adamsapfel.

 „Haha”, machte Jonas halbherzig. Ein Seitenblick zu Norma ergab, dass diese keineswegs verlegen war, wie Jonas es ergangen wäre, hätte seine bessere Hälfte einen derart geschmacklosen Spruch losgelassen. Stattdessen funkelte sie Jonas unverwandt an, als wollte sie ihn dazu herausfordern, ihrem Mann Paroli zu bieten. Schnell blickte Jonas zu seinen Freunden hinüber, die sich hastig erste und viel zu große Bissen der Pizza explosiva einverleibten, sodass ihnen schnell der Schweiß auf die Stirn trat.

 „Hm”, schmatzte auch schon Carsten. „Hat ganz schön Feuer, meine Güte!”, grinste er, und Jonas' Appetit sank beim Anblick seiner käseverklebten Zähne noch ein wenig.

 „Ja, wir sind Ärzte”, hörte er sich selbst sagen. „Und was machen Sie so? Sie und Norma?”

 Carsten nickte Norma zu, da er noch mit dem Stück heißer Pizza kämpfte, sodass Norma, die ihre Pizza noch nicht angerührt hatte, antwortete: „Wenn wir Ihnen das verraten würden, mein Lieber, müssten Sie augenblicklich die Polizei rufen, und wir wollen doch das Abendessen nicht verderben, oder?”

 Carsten prustete durch die Nase, sodass sich danach die Peperoni in ihrer Grünheit auf dem Pizzabelag nicht mehr alleine fühlen musste.

 Auch Marcus versuchte sich an einem gespielt belustigten Schnauben, was Carstens Aufmerksamkeit auf ihn lenkte, woraufhin Marcus sogleich gründlich verstummte.

 „Sie sollten gleich zwei davon essen”, meinte er, noch immer kauend und deutete auf Marcus' Teller. „Ein bisschen Fleisch auf den Rippen schadet nie. Wenn ich mir vorstelle, wie es bei Ihnen beiden im Bett klappern muss, wenn Sie das alte Rein-Raus-Spiel spielen!” Er lachte kehlig, und Jonas, dem die Wirklichkeit immer mehr vor den Augen zu verschwimmen drohte, bemerkte einmal mehr Normas Blick: Kein Tadel Richtung Ehemann, eher ein genaues Taxieren der Reaktion der eben Beleidigten.

 Stella hatte genug. Sie schlug eine Hand auf den Tisch. „Ich geh eine rauchen”, meinte sie, obschon ihr Pizzastück noch kaum angetastet war.

 Carsten hustete und wedelte mit den Händen, als wäre auf seinem Teller ein Feuer ausgebrochen. „War doch nur ein Scherz! Jetzt mal nicht so dünnhäutig. Alles gut! Manche stehen auf Gerippe, hey, jeder, wie er's mag!”

 „Herr Kleibert!”, setzte Jonas an, als dieser sich ihm zuwandte, wobei sein gerade noch amüsiertes Gesicht sofort versteinerte, gar bedrohlich wurde.

 „Was!”, blaffte er ihn an.

 Jonas wusste selbst nicht, was er sagen sollte, als auch Marcus aufstand. „Ich komme mit”, sagte er mit zum Boden gewandtem Blick und folgte Stella in die Küche und von da aus hinaus auf den Balkon.

 Manuela starrte Carsten Kleibert an. „Was ist los mit Ihnen?”, entwich es ihr dann, geradezu erstaunt. „Wir haben Sie nicht eingeladen, dass Sie uns und unsere Gäste beleidigen!”

 Jonas bewunderte Manuela; er selbst war meist der Typ, der die Klappe hielt, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Er erinnerte sich an den Arbeiter, der vor ihrer beider Augen ein Ofenrohr eine frisch gestrichene Wand entlanggeschrammt hatte. Jonas hatte nur entsetzt die Augen aufgerissen und mit den Zähnen gemahlen, Manuela hatte aber sofort aufgeschrien und den Arbeiter zur Vorsicht gemahnt, hatte sogar darauf bestanden, dass seine Firma den Schaden beseitigte. Eigentlich selbstverständlich, doch Jonas hatte diesen Mumm nicht.

 Und hier war sie wieder, Manuela, die Kampf-Amazone. Und natürlich hatte sie Recht.

 Es war Norma, die ihr mit ausdruckslosem Gesicht antwortete: „Wir haben nicht damit gerechnet, dass Sie noch andere Gäste einladen”, befand sie, als könnte das ihr Verhalten rechtfertigen.

 „Aber was hat das damit zu tun, dass …”

 Carsten unterbrach sie: „Glauben Sie, wir sind wegen diesem Fraß hier?”, grollte er und schnippte das ihm verbleibende Pizzastück von seinem Teller. „Wir hatten uns darauf eingestellt, sie beide hier in aller Ruhe und Muße umbringen zu können. Jetzt müssen wir erst warten, bis die zwei Clowns da draußen nach Hause gegangen sind.”

 Jetzt war sogar Manuela sprachlos.

 Zeit für Jonas, über seinen Schatten zu springen. „Das geht zu weit, Herr Kleibert. Jedem seine Art von Humor, aber das reicht jetzt. Ich muss Sie bitten, mein Haus zu verlassen.”

 Carsten legte den Kopf in den Nacken und stieß ein bellendes Lachen aus, gleich würde er ihnen wieder versichern, es sei doch ein Scherz gewesen, sie sollten sich mal nicht so haben, wer würde denn so ein Spielverderber sein. Stattdessen stellte Norma lapidar fest: „Wir haben uns für heute vorgenommen, Sie zu töten und werden sicher nicht einfach so gehen, also machen Sie mal nicht so einen Wirbel.”

 Jonas sprang auf, dass sein Stuhl träge nach hinten umkippte. In einer fließenden Bewegung klappte Carstens Kopf nach vorne, sein Lachen fiel komplett in sich zusammen und er zog mit der linken Hand seinen blauen Blazer auf.

 In einer Scheide Marke Eigenbau steckte ein langes Messer, das geschwungene Heft war aus purem Elfenbein.

 „Hinsetzen, du Made.”

 „Was …” krächzte Manuela.

 „Klappe halten”, brummte Carsten, als verscheuchte er verbal ein lästiges Insekt. Dann wieder zu Jonas: „Und hinsetzen.”

 Das kann alles nicht passieren, dachte er, als er den Stuhl wieder aufrecht stellte und sich mit weichen Knien niederließ. Seine Gedanken rasten. Was sollte er tun, sobald Marcus und Stella zurückkamen?

 Hey, Marcus, hörte er sich sagen. Die zwei da haben gedroht, uns umzubringen! Er hat eine Waffe dabei!

 Carsten würde grölend auflachen. Der war nicht schlecht, Mann! Etwas morbide, aber gar nicht schlecht! Sie haben ja doch Sinn für Humor!

 Und wie lange würde es danach dauern, bis die Kleiberts die ihrer Meinung nach überzähligen Gäste fortgeekelt hatten?

 Carsten seufzte. „Hören Sie, Sie haben uns bei Ihrer Einladung nichts von diesen beiden Witzfiguren gesagt. Meine Frau und ich haben uns auf einen schönen Abend nur mit Ihnen beiden hier eingerichtet.”

 „Einen … schönen … Abend?”, hauchte Manuela, die aussah, als würde sie jeden Moment in Ohnmacht fallen.

 Norma zuckte mit den Schultern. „Wir töten eben gerne”, meinte sie und schüttelte sich ein neues Taschentuch auf. „Das heißt, ich bin eher der Zuschauer. Das lenkt zumindest von diesem Elend ab”, fügte sie hinzu und schnäuzte sich.

 Jonas fand Manuelas Blick, sah seine Ratlosigkeit in ihren Augen reflektiert.

 Marcus und Stella kamen zurück, hatten offenkundig beschlossen, den Abend irgendwie durchzustehen, da sie sich mit einem eingefroren wirkenden Lächeln wieder an den Tisch setzten.

 „Die beiden sind völlig verrückt!”, begehrte Manuela auf einmal an ihre Freunde gewandt auf. „Die haben uns gerade gedroht, uns umzubringen!”

 „Was?”, starrte Stella sie groß an.

 „Ach komm”, ächzte Carsten. „Das hätte jetzt echt nicht sein müssen.”

 Er sprang auf und zog in einer sehr flüssig und geübt aussehenden Bewegung gleichzeitig das Messer unter dem Blazer hervor. Es war monströs, bestimmt zwanzig Zentimeter lang, doch hatte Jonas nicht viel Zeit, die Klinge zu bewundern, da sie sich schon zwei Sekunden später komplett in Stellas Hals vergrub, dass die Wand hinter ihr wenige Herzschläge später so aussah, als hätte jemand einen roten Farbeimer dagegen geschüttet. Marcus hatte gerade Zeit genug, sich vom Tisch wegzudrücken, als Kleibert das Messer aus seinem bereits tot zu Boden sinkenden ersten Opfer zog und es ihm von unten durch den Unterkiefer in die Mundhöhle bis hoch ins Hirn rammte, woraufhin Marcus mitsamt seinem Stuhl nach hinten kippte.

 Es hatte keine fünf Sekunden gedauert und war gespenstisch schnell vonstattengegangen; nicht einmal Kleiberts Atem hatte sich erkennbar beschleunigt.

 „Dann eben so”, zuckte Norma mit den Schultern, steckte ihr Taschentuch weg und griff ihrerseits in ihren Blazer.

 „Nein!”, schrie Jonas.

 „Aufhören!”, kreischte Manuela.

 Was Norma hervorzog, war ein ebenfalls aus Elfenbein gefertigtes Blasrohr, wie Jonas es noch nie gesehen hatte. Sie hob es an die Lippen, und mit einem leisen Pfft löste sich ein kleiner Pfeil, der seine Frau direkt in den Hals traf. Jonas wurde klar, dass diese Waffe zur Betäubung gedacht war.

 Während Manuela ohne einen weiteren Laut in sich zusammensackte, sprang Jonas auf, sah, wie Norma in aller Ruhe einen neuen Pfeil in das Rohr lud. Er musste um Hilfe schreien! Oder auf Norma losgehen! Doch er konnte nur an die Flucht denken.

 Er kam nicht weit, bis er einen brennenden Schmerz am hinteren rechten Oberschenkel spürte und ihn sofort die Kräfte verließen. Als er zu Boden ging und ihm rapide die Sinne schwanden, zuckte ihm noch ein Gedanke glasklar durch den Kopf: Was haben die mit mir vor? Hoffentlich wache ich nie mehr auf!

 Etwa eineinhalb Stunden später wurde ihm dieser Herzenswunsch nicht erfüllt.

 

"Bis dass der Tod" von Rod Morlogg

Herausgegeben von Normen Behr

Erhältlich im Juli 2017